Da gibt es was, was du (nicht) weisst.

Ich sitze hier in der Bibliothek und sollte eigentlich arbeiten. Wie so oft tue ich das auch, aber meistens tue ich eben auch noch andere Dinge nebenbei. Im Moment hacke ich in die Tasten und versuche mein Leben als HIV Positive in diesem Blogeintrag festzuhalten. Während ich schreibe frage ich mich, wie sich eigentlich ein anonymer Blog schreiben lässt. Diese Frage beantwortet sich einige Minuten später von selbst, indem ich zusammenzucke als plötzlich jemand aufsteht und hinter meinem Rücken durchläuft. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und ich versuche nicht zu hastig aber dennoch zackig meinen Laptop zu zuklappen. Ich stelle mir vor was diese Person auf meinem Laptop lesen könnte. Fett und gross steht da HIV + und mit einem zweiten Blinzeln könnte auch noch der Untertitel „Mein Leben…“ erhascht werden. Ja, so schnell geht’s und schon wäre es aus mit meiner Anonymität. Ich stelle mir jetzt vor, dass theoretisch auch rund 20‘000 Andere in der Schweiz in genau dieser Situation zusammenzucken würden. Abzüglich aller Geouteten natürlich. Dann wären es vielleicht noch 19‘900.

Wieso mich niemand für HIV positiv hält

Ich sitze also in diesem öffentlichen Raum und versuche nicht ständig meinen Laptop zuklappen zu müssen. Ich meine wie sieht das denn aus, wenn ich ständig zusammenzucke! Meine Fantasie brennt mit mir durch: Vielleicht denken meine Bibliothek-Mitmenschen, dass ich Pornos schaue oder irgend so eine schreckliche Hautkrankheit mit üblen Bildern google. Das Paradoxe ist, dass wohl die wenigsten mich für HIV positiv halten, sogar wenn sie diesen Titel lesen können. All meine Freunde, auch die langjährigen waren immer überrascht ab meinem Geheimnis HIV positiv zu sein. Irgendwie scheine ich nicht HIV positiv auszusehen. Aber mal ganz ehrlich, auch ich sehe den Menschen ihren positiven Status nicht an. Wenn ich mit anderen HIV’ler zusammen bin gibt es manchmal diesen Moment, dass jemand in der netten Runde HIV negativ ist und alle mit einem „ahhh“ und „ohhh“ reagieren, weil wir das schlicht und einfach auch nicht immer wissen wer was ist und was hat. Jedenfalls scheint es immer noch die hartnäckigen AIDS-Bilder in unseren Köpfen zu geben, mit denen wir bestimmen wer überhaupt als HIV positiv gehalten werden kann und wer nicht. Vielleicht sind es aber auch gerade die fehlenden Bilder und Informationen, dass HIV eben nicht (mehr) auf den ersten Blick ersichtlich ist, die zu dieser totalen Geheimnis-Fehleinschätzung führen. Ich blicke da selbst nicht durch. Nun gut, rational betrachtet ist es paradox zu glauben meine Mitmenschen halten mich für HIV positiv wenn sie dieses Wort beispielswiese gross und fett markiert auf meinem Laptop sehen. Die Angst erkannt zu werden habe ich viel mehr, weil ich mich entschieden habe meinen Status HIV positiv zu sein anonym zu leben. Ich führe ein normales Leben, habe einen universitären Abschluss und eine gute Arbeitsstelle. HIV positiv bin ich seit Geburt durch die Übertragung des Virus meiner Mutter. Dumm gelaufen. Das darfst du ruhig denken. Denke auch ich hin und wieder auch mal.

„Ich bin anonym mit meinem HIV positiven Status, weil mein Outing zwangsmässig auch immer meine Mutter outet“

Ein geteiltes Geheimnis und ein Doppelleben. Läuft.

Meine Mutter ist und lebt ebenso normal oder unauffällig wie ich. Oder du. Grundsätzlich bin ich anonym mit meinem Status, weil mein Outing als HIV positive auch zwangsmässig meine Mutter als Positive mitoutet. Mein Geheimnis ist auch ein Teil ihres Geheimnisses. Zusammen haben wir vor Jahren die gemeinsamen Outing-Spielregeln besprochen. Meistens kann ich sie bevor ich Jemanden einweihe, informieren. Manchmal aber auch nicht. Wenn mich beispielsweise bei einem Date die plötzliche Lust überkommt meinem Gegenüber die Geschichte dann doch von vorne zu erzählen, kann ich schlecht kurz Mama anrufen. Meine Familie und die engsten Freunde wissen von meinem Status, alle anderen nicht. Ich führe eine Art Doppelleben. Ich habe ein Leben mit HIV und ein Leben ohne HIV.

Und warum jetzt dieser Blog?

Vor einigen Wochen ist ein guter Freund von mir verstorben. Nach längerer Darmkrankheit und vielen Spitalaufenthalten während den letzten Jahren ist er, unerwartet, drei Tage nach der Lymphkrebsdiagnose gestorben. Wir sind gemeinsam aufgewachsen. Kennen gelernt haben wir uns als ich dreizehnjährig das erste Mal an einem Wochenende für HIV positive Kinder und Jugendliche der Stiftung Aids & Kind, teilgenommen habe. Ja, auch er war HIV positiv. Aber das hat nichts mit seinem Tod zu tun. Diese Wochenenden fanden während mehr als einem Jahrzehnt viermal im Jahr statt.

„Im Schutz der ehemaligen Jugendgruppe konnte ich lernen, wie ich mein HIV leben will“

An diesen Treffen habe ich gelernt wie es ich anfühlt HIV positiv zu sein. Wie es sich beispielsweise anfühlt überhaupt das Wort HIV auszusprechen. HIV HIV HIV HIV. Positiv. Ich kann mich gut zurück erinnern, wie sich meine Zunge am Anfang immer schwer und taub angefühlt hat, als ich begonnen habe die Buchstabenreihe H, I und V laut auszusprechen. Mein Geheimnis musste ich an diesen Wochenenden und vor meiner neuen Familie nicht schützen. Viel wichtiger war, dass ich im Schutz dieser Gruppe lernen konnte, wie ich mein HIV leben will. Ja, mein HIV. Es gibt für mich ein Leben mit HIV. Unter diese Formulierung packe ich alle medizinischen Herausforderungen wie meine Medikamente, die ich täglich zu mir nehme und darin sind dann auch die möglichen Einschränkungen, die eine chronische Krankheit so mit sich bringt eingeschlossen. Dann gibt es mein HIV. Da geht es um meine Entscheidungen, wie präsent oder unwichtig, wie bekannt oder unausgesprochen und wie aufklärend oder belastend HIV sein muss oder darf. In diesem Fall bin ich auch nicht mit meiner Mutter verbunden. Die hat ja ihr Eigenes.

Der Verein Swiss Youth Positiv Group

Unser verstorbener Freund hat sich sein ganzes Leben lang engagiert für die Akzeptanz und gegen die Diskriminierung von AIDS und HIV positiven Menschen. Er hatte seit Geburt nie eine grosse Chance im Leben. Es gab praktisch keine Momente, in denen er keine Hürden hätte überwinden müssen. Als Heim- und Pflegekind ohne Ahnung, wer seine leiblichen Eltern waren, hat er knapp die Schule beendet, nie richtig gut Schreiben gelernt oder eine Ausbildung gemacht. Aber er war voll da und hat sich seinen Einsatz und seine Rechte nie nehmen lassen. Jetzt ist er nicht mehr da und übrig bleibt neben all den Erinnerungen an ihn sein Engagement für die zukünftige Unterstützung aller HIV positiven. Insbesondere die Unterstützung aller Kinder und Jugendlichen die mit dieser Krankheit in der Schweiz aufwachsen. Aus der ehemalige Jugendgruppe von Aids & Kind haben wir vor rund 5 Jahren in den Verein SY+G (Swiss Youth Positiv Group) gegründet. Heute engagiert sich SY+G unteranderem für den Aufbau einer neuen Gruppe für HIV positive Jugendliche ab 13 jährig.

Engagement ohne Outing? Ja das geht!

Jeder von uns hat eine Chance sich zu engagieren für die Dinge, die uns am Herzen liegen. Ich habe lange gehadert mit meinem HIV und der Entscheidung anonym oder öffentlich damit zu leben. Mit dem Tod meines Freundes ist mir klar geworden, dass ich mich als HIV positive nicht outen muss um mich zu engagieren. Sich nicht Outen zu können soll mir nicht die Möglichkeit nehmen trotzdem zu erzählen, wie es sich mit HIV und meinem HIV in der Schweiz lebt.

Dieser Blog ist meine oder deine anonyme HIV positive Stimme in der Schweiz. Es gibt da noch einiges das ich oder du zu erzählen haben.

#secretlyhiv+

Nicht vergessen Weltaidstag am 1. Dezember!