Seit Jahren sind es immer um die 60 Kinder und Jugendliche (0 – 18 J.) die mit HIV in der Schweiz leben. Global gesehen ist die Zahl der neuen HIV-Infektionen bei Kindern dank wirksamer Therapie (ART) rückläufig, es gibt aber Regionen dieser Welt, auf die das Gegenteil zutrifft.

So wurden an der 17. EACS 2019 in Basel folgende Fakten präsentiert: Osteuropa und Zentralasien haben die am schnellsten wachsende HIV-Epidemie der Welt. Seit dem Jahr 2000 hat sie sich mehr als verdreifacht. Die überwiegende Mehrheit lebt in Russland und der Ukraine. Zusammen machen diese Länder 84% aller Neuinfektionen in Osteuropa und Zentralasien aus. Allerdings wurden Schätzungen für Kinder wegen geringer Anzahl nicht veröffentlicht. Das wird sich mit Sicherheit in den kommenden Jahren ändern.
Laut der UNAIDS haben die Philippinen die am schnellsten wachsende HIV-Epidemie im asiatisch-pazifischen Raum. Die stärkste Zunahme mit 83% betrifft junge Männer (15 – 24 J.), die sich durch MSM- Kontakte ansteckten. Pakistan steht mit 20’000 neuen HIV-Infektionen 2017 an 2. Stelle. Mehr als 80% der neuen Fälle betreffen Kinder unter 15 Jahren.

Seit Beginn der HIV-Epidemie in den frühen 80er Jahren haben in der Schweiz 2’060 Frauen mit HIV ein Kind geboren. Von all den geborenen Kindern wurden lediglich 285 infiziert, bei 248 weiss man es nicht und 1’627 blieben HIV-negativ. Zu Beginn fand die Mutter-Kind Übertragung von HIV in der Schweiz vornehmlich in Personengruppen mit intravenösem Drogenkonsum statt. Heute spielt diese Gruppe mit 15.3% eine untergeordnete Rolle1.

Eine frühe Diagnose ist unerlässlich, da geburtspositive Kinder die höchste Sterblichkeit während den ersten sechs Wochen bis zum 4. Monat haben. Aber nur die Hälfte der HIV-exponierten Kinder werden in den ersten 8 Wochen getestet. Auch die Abdeckung von Kindern/Jugendlichen mit lebensrettender ART bleibt weltweit hinter der von Erwachsenen zurück. Da alarmiert die Zahl von 700’000 Kindern mit HIV, denen der Zugang zur Behandlung fehlt, denn Kinder können mit ART eine normale Lebensdauer erreichen2.

Heute ist bekannt, dass Menschen mit HIV ohne Angst vor einer Übertragung auf ihre Partner*innen oder das Kind Eltern werden können. Auch vaginale Entbindungen und Stillen sind möglich.

Man könnte glauben, alles ist heute ok bei uns, aber das ist leider weit verfehlt.

Fehlendes Wissen über Ansteckungswege und Behandlungsmöglichkeiten befeuern das Stigma und das Selbststigma. So dass die meisten Menschen mit HIV auch heute noch im Verborgenen leben, mit der ständigen Angst entdeckt zu werden.

Dass Kinder und Jugendliche mit HIV unter uns leben, ist deshalb im öffentlichen Bewusstsein kaum vorhanden3. Wird es aber bekannt, werden die Betroffenen mit Vorwürfen und Ablehnung konfrontiert. Vor allem wenn die Infektion nicht von Beginn an offengelegt wurde. Viele wissen nicht, dass es keine Informationspflicht bei HIV gibt. HIV ist in Familien nach wie vor ein grosses Tabu. Die Angst vor Ablehnung und Diskriminierung ist gross, aber auch die Furcht, dass die eigenen Kinder darunter leiden müssen. Ist auch das Kind infiziert, kommen Schuldgefühle dazu. Die Mutter macht sich Vorwürfe und hat Angst, dass sich das Kind gegen sie wendet oder die Diagnose nicht verkraften könnte. Deshalb wird empfohlen, die Wahrheit in kleinen Schritten altersentsprechend mitzuteilen, ohne Lügen. Kinder sollten Teil einer Gruppe von Kindern mit HIV sein. So merken sie, dass sie nicht allein damit sind. Sinnvoll ist es, wenn Eltern bei der Aufklärung eng mit Fachpersonen zusammenarbeiten. Wichtig ist, dass das Kind aufgeklärt ist, bevor es in die Pubertät kommt.

In der Pubertät sind das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein sehr fragil und instabil. Dann von der Existenz einer chronischen Erkrankung zu erfahren, die zudem noch sexuell übertragbar ist, kann zu Kontaktabbrüchen mit den Eltern oder zum Abbruch der medizinischen Behandlung führen. Gemäss den Zahlen der UNAIDS von 2019 ist die Adoleszenz die einzige Altersgruppe, in der AIDS-bedingte Todesfälle weltweit zunehmen.

Angela Lagler / Juni 2020

 

Quellen

  1. MoCHiV 9/2019
  2. UNAIDS
  3. P. Barth et al. 2016